EINER WIE KEINER – ÜBER EINEN GANZ BESONDEREN BÄREN


Salut heißt er, weil er aus Paris kommt. Wir waren einkaufen, landeten in einem Laden auf der Champs-Élysées, dort war er gestrandet, in einem Korb voller Kuschelbären. Er hätte dort vielleicht noch lange gelegen, hätte Fanny ihn nicht entdeckt. Mama, sagte sie, mit dieser Stimme, der man so schwer etwas abschlagen kann, nur dass sie an diesem Tag noch ein wenig dringlicher war als sonst. Es war Liebe auf den ersten Blick. 

Das ist jetzt drei Jahre her. Fanny ist in diesen drei Jahren ein Schulkind geworden, sie kann Fahrrad fahren, den Gummibären-Song singen, kleine Zettel schreiben, die einem das Herz umdrehen, schweinebaumeln und auf Inlinern herumflitzen. Lauter Dinge, die sie vor drei Jahren noch nicht konnte. Ihre Liebe zu Salut ist aber immer noch so glühend wie in dem Augenblick, als die beiden einander gefunden haben. Wenn sie malt, sitzt er auf dem Tisch und schaut ihr beim Malen zu. Wenn sie in ihrem Bett liegt und liest, wenn sie einschläft, aufwacht, ist er dabei, und manchmal, wenn sie doch vergessen hat, ihn mit ins Bett zu nehmen, erschrickt sie sich ganz fürchterlich, Salut, sagt sie dann, ich brauche noch Salut. Er war mit in Paris, Amsterdam und Stockholm und auf jedem Spielplatz in der Umgebung. Er war auch dabei, als sie zum Arzt musste, vor ihrem Besuch wurde er ausführlich untersucht und behandelt, damit es ihr ein wenig leichter fiel. Manchmal trägt sie ihn in einem Tragetuch, wie ich jetzt gerade immer Hedi trage. Er trägt Mützen und Schals gegen die Winterkälte, manchmal auch einen Badeanzug, den er sich von Fannys Puppe Lotte leiht, und Pflaster, wenn er sich weh getan hat (manchmal auch, wenn er sich nicht wehgetan hat). An einigen Stellen ist sein Fell schon ganz platt gekuschelt. Offiziell ist er drei Jahre alt, Geburtstag hat er aber ungefähr einmal im Monat, dann singen wir für ihn und werfen ihn in die Luft und er darf aus dem Honigglas so viel naschen wie er will. Früher durfte er manchmal auch weiße Bohnen essen, die isst er nämlich besonders gerne, aber seit er sich eines Abends zum Mond gepupst hat und von dort nicht wieder herunter wusste, gibt es nur noch Honig und manchmal ein Stückchen Brot für ihn. 

In den Geschichten, die sie sich zum Einschlafen erzählen lässt und in denen sie sich aussuchen kann, wer in ihnen vorkommt, gehört Salut zur Stammbesetzung. Eine Zeitlang hielt er es vor Langeweile in seinem Wald nicht mehr aus, zu wenig Gesellschaft, zu wenig Abwechslung, zu wenig Honigsorten. Also machte er sich auf den Weg in die Stadt, aber die Menschen liefen davon, weil sie Angst vor Bären haben, bis eines Tages ein Mädchen namens Fanny vor ihm stand und ihn fragte, ob sie ihm helfen könne. Am Ende zog er bei ihr ein und sie machte ihm Honigbrot, eine Honigwaffel und Honigeis, gegen den schlimmen Hunger. Ein paar Wochen lang war er dabei, als es darum ging, dem Buchstabendieb den Buchstaben wieder abzujagen, den er geklaut hatte. Fanny hatte er ihr F gestohlen, deswegen nannten alle sie nur noch Anny. Walter, dem Wal, sein W, und Alter wollte er nun wirklich nicht genannt werden. Salut war ein besonders guter Buchstabenfinder, denn er hatte einen Trick: Alle zusammen legen sie sich in ein Bett, jeder bekommt einen Löffel Honig, nur Salut kriegt zwei, dann halten alle einander an den Hände, Pfoten, Tatzen, Flossen und schlafen ein. So landen sie im selben Traum, statt jeder in seinem eigenen, und in diesem Traum finden sie die verlorenen Buchstaben wieder – in einem Vulkankrater, auf einem Schiff, im Dschungel. Wenn sich keiner traute, nach den Buchstaben zu greifen, traute sich Salut. Er holte tief Luft und tauchte auf den Meeresboden, um das F wieder heraufzuholen. Er pustete es sogar trocken, bevor er es Anny zurückgab. Alters W versteckte sich hinter einer Kokosnuss auf einer sehr hohen Palme. Er kletterte hinauf und holte es zurück, obwohl er Kokosnüsse nicht leiden kann. So einer ist er. Jederzeit bereit für ein Abenteuer. Ein guter Freund. Loyal. Geduldig. Freundlich. Und immer honighungrig. 

Er ist da, einer von uns, wir sind jetzt nicht mehr vier, sondern fünf, denn schon längst lebt er auch für uns – es ist eine Lektion, die wir durch Fanny begriffen haben: Wer geliebt wird, hat eine Seele, Empfindungen, Gefühle, wie alle anderen Lebewesen auch. So ist das mit uns fünf.

Dieses Foto, das ich so mag, hat Simone Hawlisch gemacht, der ihr wahrscheinlich schon lange auf Instagram folgt, dort heißt sie fraueleinsonntag

32 Kommentare:

  1. Oh Okka!
    Danke. So herzerwärmende Worte. Ich bin ehrlich ganz gerührt. Ein Glück, dass Salut euch gefunden hat. Und Alter ist nun auch wieder mit einem W gesegnet. Hach.
    Habt es gut, ihr lieben fünf!
    Marie

    p.s. Vielleicht kann Salut ja mal in ein Kinderbuch klettern? Ich bin immer noch ganz herzerwärmt..
    p.p.s. Uns geht es sehr gut. Hab Dank. Nur die Nächte, diese Nächte.. ;)

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    1. Liebe Marie, oh my, die Nächte, die Nächte, hier auch. Ich drück dir Daumen, dass es demnächst ein bisschen mehr Schlaf gibt für dich! Herzliche Grüße! Okka

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  2. So eine schöne Geschichte. Bin ganz gerührt. (Auch davon, dass der Bär den Puppenbadeanzug trägt.)

    Grüß dich lieb, Okka,
    Maria

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    1. Und nicht nur den Badeanzug. Auch das Ballettröckchen und den Pullover und das Tuch, den ganzen Lotte-Koffer rauf und runter. Zum Glück ist Lotte eine sehr großzügige Puppe.... Freu mich, dass du so immer Teil unseres Alltags bist, liebe Maria!

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  3. So ein wunderschöner Text! Seit ich ein kleiner Baby bin habe ich auch einen solchen Teddy, der Bär. Und obwohl ich schon bald 24 werde, gehört er zu mir ins Bett, kuschelt sich mit mir in den Schlaf und begleitet mich auf die grossen Reisen. Um nichts in der Welt würde ich ihn hergeben wollen und hoffe ganz fest das er mich noch ganz lange begleiten wird.

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    1. ... dann seid ihr bald 24 Jahre befreundet. Wie schön, Noemi!

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  4. Und jetzt, jetzt sitzen wir alle hier und wissen gar nicht wohin mit all unserer Neugier, was Salut wohl noch so alles erlebt und weiß und überhaupt. Fanny ist so ein Glückskind <3. Wirklich wahr!

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  5. Ach, Okka, du hast ein so wundervolles Talent. Ich liebe jedes Wort von dir. Gib mir 20 Texte und ich finde zielsicher deinen. Heute dachte ich, wie niedlich, aber ich dachte auch, heute kriegt sie mich nicht. Und dann schreibst du den vorletzten Satz und mein Herz platzt. Ich hätte es wissen sollen. X Maike

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    1. Mensch, Maike, wie ich mich über deinen Kommentar gefreut habe. Ich danke dir!

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  6. Ach, ist das schön. Mein kleines Mädchen hat auch so einen Bärenfreund, genauer gesagt eine Bärenfreundin. Sie gehörte erst dem großen Bruder, dessen Herz wiederum aber schon einem anderen Plüschfreund gehörte und der sie nach vielen sehnsüchtigen Blicken seiner damals 16 Monate alten Schwester schenkte. Acht Jahre später haben die beiden Mädels viel zusammen erlebt; kein Tag im Kindergarten, an dem sie nicht dabei war, kein Urlaub ohne sie; im Krankenhaus war sie natürlich auch dabei und auch schon oft in der Schule. Der Pelz ist mit den Jahren dünner geworden, die Liebe ist geblieben. Wunderschön, als Kind so an etwas zu hängen und sich noch viele Jahre später mit einem Lächeln daran zu erinnern.
    Habt einen schönen Sommer, ihr fünf.
    Liebe Grüße,
    Simone

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    1. Was für ein schöner Satz, Simone: Der Pelz ist mit den Jahren dünner geworden, die Liebe ist geblieben. Ich erinnere mich an meinen Kuschelhund tatsächlich auch immer noch mit einem Lächeln. Habt auch einen schönen Sommer!

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  7. Haha, Walter ohne W. Wart mal ab, in der Pubertät wird er es extra unter ner grossen Muschel verstecken, weil Alter einfach mal cooler ist als Walter.
    So süss, der tapfere Salut!
    Liebe Grüsse!

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    1. Hahaha, da sagste was. Ganz liebe Grüße zurück!

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  8. Dein Text macht mir´s wieder mal ganz ganz warm und leicht um´s Herz. Konnte ich gut gerade sehr gut gebrauchen. Danke dafür, Elisabeth

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    1. Oh, ich hoffe, der Tag heute rockt schon wieder ein bisschen mehr, Elisabeth! Liebe Grüße!

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  9. Wie schön: Wir haben auch so einen Bären der erst uns zwei und dann uns drei seit Jahren begleitet und schon ein Familienmitglied ist. Du hast recht, es gibt Kuscheltiere mit Persönlichkeit, die sind kein Spielzeug sondern gehören zur Familie. Gruß an Salut!

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  10. Ach Mensch, Okka, da surfe ich an einem grauen Mittelfingermittwoch, suche wie immer Deine Seite, finde diesen Text und bin verzaubert. Noch ein bisschen mehr als sonst. Ich liebe doch Dein Buch schon so, Deine Blogtexte. Kannst Du bitte auch ein Kinderbuch schreiben? Was für tolle Ideen Ihr habt, ich weiß, es sind Fannys und Saluts Geschichten und sie gehören uns nur für diesen Zauber-Moment auf dem Blog, aber ich würde sofort, sofort, jedes weitere Werk von Dir kaufen. Weil es eine Bereicherung für jeden Nachttisch und jedes Regal ist und vor allem, für jedes Herz. Danke dafür

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    1. Also das Wort Mittelfingermittwoch übernehme ich sofort. Ha, großartig. Und dein Kommentar hat meinen Tag heute sehr viel schöner gemacht, das ist bislang nämlich ein Mittelfingerdonnerstag. Ganz liebe Grüße!

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  11. Und du selbst, Okka, kennst von deiner Kindheit diese große Kuscheltierliebe nicht?

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    1. Doch, total. Ich hatte auch eine große Liebe namens Bodo, ein brauner Hund mit großen Schlappohren. Der kam auch überall mit hin und hat sehr viele Tränen getrocknet und Abenteuer erlebt. Vermutlich würden sich Salut und Bodo super verstehen, leider weiß ich nicht mehr, in welcher der Kisten sich Bodo versteckt.... Liebe Grüße!

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  12. Liebe Okka, ich weiß ja nicht, was Du für den Rest des Jahres geplant hast, aber ich glaube, Du musst jetzt ganz fix ein Kinderbuch schreiben! Eines von denen, dass auch die Erwachsenen supergern, auch in Endlosschleife vorlesen!

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    1. Na, das wär ja was. Liebe Grüße!

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  13. Liebe Okka, ich kann mich der Idee nur anschließen: du MUSST ein Kinderbuch schreiben! Das ist wirklich großartig, was du da schreibst!!!
    Wie immer und eigentlich auch immer alles, danke dafür!

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  14. Bei uns ist vor gut 2 Jahren Udo das Schaf eingezogen und wird genauso geliebt wie Salut. Danke für diesen wunderbaren Text!!!

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    1. Ein super Name für ein Schaf! Liebe Grüße durch den Regen!

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  15. Liebe Okka, bitte: schreib! ein! Buch! Es wird großartig werden!
    Danke für diesen wundervollen Text und hab noch einen schönen Tag, ich schicke Sonne aus Hamburg (wer hätte das gedacht?), Stef

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  16. Liebe Okka, wir sind hier seit fast einem Jahr zu viert. Meine Große ist 7 und mein Kleiner in 2 Wochen 1. Und ich habe geweint und gelacht über Deine Texte. Vor allem die zur Familie.
    Und Du hast Recht, wir sind eigentlich zu fünft. Wir haben Froschi, den mein Mann unserer Tochter zur Geburt geschenkt hat. Froschi, wie überraschend, ist ein Frosch, und ist immer dabei. Er wurde auch schon mehrfach irgendwo vergessen und uns dann von lieben Leuten nachgeschickt. Dann könnte er von seinen Postabenteuern berichten.

    Danke für den Text. Sooo schön.

    P.S. Wir haben leider immernoch Mittelfingernächte.
    P.P.S. Pfannkuchen helfen wirklich gegen vieles.

    Beste Grüße aus München
    Adrianna

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  17. Da schließe ich mich Stef sofort an! (Noch) Ein Buch muss her! Ich bin zum ersten Mal hier (mein Kind ist schon 22, seufz) - und habe mich sofort in den Bären-Text verliebt. Danke! Ach, übrigens, dein Buch Herdwärme kommt in unsere neue MOKA-Ausgabe! Liebe Grüße von Enja aus Hamburg

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